Das "Septembertestament" Martin Luthers

Das "Septembertestament" Martin Luthers

Vor einem halben Jahrtausend, im September 1522, erschien in Wittenberg der Erstdruck einer deutschen Übersetzung des Neuen Testaments. Martin Luther, der Übersetzer, hatte nicht nur auf die Nennung seines Namens verzichtet, sondern auch auf ein Honorar.

Es war nicht die erste deutsche Bibelübersetzung: Bereits seit dem 12. Jahrhundert wurden immer wieder Teile der Bibel ins Deutsche zu übertragen. Meist waren es die Psalmen, weil sie im Gottesdienst am häufigsten verwendet wurden. Nach der Erfindung des Buchdrucks Mitte des 15. Jahrhunderts kamen auch mehrere vollständig übersetzte deutsche Bibeln heraus. Sie wurden zwar relativ häufig gedruckt (1466-1522), zeigten aber trotzdem keine große Wirkung. Dafür gab es mehrere Gründe:
Erstens hielten sich alle sehr eng an die lateinische Vorlage, übersetzten mitunter Wort für Wort und imitierten oft sogar den lateinischen Satzbau. Zweitens waren ihre handschriftlichen deutschen Vorlagen oft schon veraltet. Alle Versuche, sie zu modernisieren, waren ungenügend. Drittens wiesen alle diese Bibeldrucke eine ausgeprägte Mundart auf, die in anderen Sprachräumen kaum verstanden wurde.

Deshalb machte sich Martin Luther am Ende seines „Schutzgewahrsams“ auf der Wartburg an eine völlige Neuübersetzung der Heiligen Schrift, beginnend mit dem Neuen Testament. Von seinen Vorgängern unterschied er sich vor allem in drei Dingen:

1. An Stelle der lateinischen Bibel, die ihrerseits bereits eine Übersetzung aus dem Griechischen ist, nahm er den griechischen Urtext selbst als Vorlage. Damit war er eine Stufe näher am Original dran. Jesus selbst hatte ja Aramäisch gesprochen, aber die Schriften des Neuen Testaments sind wohl gleich in Griechisch geschrieben worden.

2. Statt sich sklavisch an die Vorlage zu halten, schlug Luther einen Mittelweg zwischen Textgenauigkeit und Verständlichkeit ein. So übersetzte er Mt 12,34 nicht wörtlich „Aus der Fülle des Herzens redet der Mund“, sondern formulierte „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“ Diese Formulierung brachte es wie viele andere sogar zum Sprichwort oder zur Redewendung. Andere sind „den Staub von den Füßen schütteln“ oder „Perlen vor die Säue werfen“.
Mehrdeutige oder unklare Stellen versuchte er zu verdeutlichen. So lautet Psalm 23,3a wörtlich eigentlich „Er wendet meine Seele.“ Luther übersetzte das vieldeutige Wort „wenden“ hier dem Kontext („frisches Wasser“) entsprechend „Er erquickt meine Seele.“
An einigen Stellen griff er sogar interpretierend in den Text ein, so in Römer 3,28: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ Das Wörtchen „allein“ findet sich nirgendwo im Urtext und ist Luthers bekräftigender Zusatz. Kein Wunder, dass er dafür von seinen römisch-katholischen Gegenspielern heftig angegriffen wurde.
Luthers poetisches Genie erfand auch viele neue Wörter, die heute zur Alltagssprache gehören, z.B. „Morgenland“, „friedfertig“, „Sündenbock“, „Lockvogel“, „Machtwort“ oder „Dachrinne“.
Sein Gefühl für sprachliche Ästhetik war hervorragend. So stimmte er den Beginn der Einsetzungsworte des Abendmahls in Mt 26,26 auf ein feierliches „a“ ab: „Da sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach‘s und gab‘s den Jüngern und sprach …“
An manchen Stellen ist deutlich zu spüren, welchen Wert Luther auf einen guten Rhythmus legte, der die Sätze gut sprechbar und damit auch besser memorierbar machte, z.B. Joh 3,16 oder 1. Tim 1,15.

3. Anders als seine Vorgänger versuchte er, die großen sprachlichen Unterschiede im deutschen Sprachraum zu überwinden. Dazu bediente er sich einer bereits vorhandenen Juristensprache, der „sächsischen Kanzleisprache“. Das war eine überregionale Ausgleichssprache, die unverständliche Dialektwörter, regionale Schreibweisen und Besonderheiten bei der Grammatik vermied. Luther baute auf ihr auf, vermied aber gleichzeitig jeden höfischen oder juristischen Stil, sondern schaute dem Volk lieber „auf Maul“ (ohne vulgär zu werden!). Dank des grandiosen Erfolgs seiner Bibelübersetzung verbreitete sich diese Ausgleichsprache im ganzen deutschen Sprachraum. Selbst die katholischen „Korrekturbibeln“, die als Antwort auf Luthers Übersetzung entstanden, fußten entscheidend auf seiner Leistung und ließen seine Version auch im katholischen Bereich heimisch werden. So war Luther zwar nicht „der Erfinder der deutschen Sprache“, hat sie aber geprägt wie kein anderer vor und nach ihm.

Das oben erwähnte „halbe Jahrtausend“ markiert leider ein neues Problem: War die Lutherbibel damals modern und in aller Munde, so wirkt sie heute – trotz aller Revisionen – für viele unverständlich und überholt. Die von ihr so maßgeblich beeinflusste Sprache hat sich kräftig fortentwickelt und ihren Wortschatz, ihre Formen und ihre Grammatik teilweise hinter sich gelassen. Neue, modernere Übersetzungen sind gerade in jüngerer Zeit entstanden. Sie sind zwar inhaltlich um einiges verständlicher, haben aber m.E. bei weitem nicht die sprachliche Qualität der Lutherbibel. Wenn ich im Altenheim Gottesdienst feiere und völlig demente Menschen plötzlich Psalmen mitbeten, dann in der Lutherversion. Ob es in 50 oder 100 Jahren eine andere sein wird? Aber welche?

Pfarrer Michael Krug

[Wichtigste benutzte Quelle: Martin Brecht, Martin Luther. Ordnung und Abgrenzung der Reformation 1521-1532, Berlin 1989]

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