Lebenssituationen - Lernen + Reifen

Lebenssituationen Lernen + Reifen
Bildrechte: E. Weidt

„Ja, die Zeit vergeht und man fängt an, alt zu werden“, sagte Pippi. „Im Herbst werde ich zehn Jahre alt und dann hat man wohl seine besten Tage hinter sich.“

Endlich dürfen wieder die Geburtstagskinder ab 70 Jahren in unseren Gemeinden besucht werden. Die Jubilarinnen oder Jubilare sprechen oft von ihren Freuden und Sorgen, erzählen von wichtigen Menschen in ihrem Leben und Erfahrungen und Erlebnissen, die sie geprägt haben.

Eine Dame, der man ihr Alter nun wirklich nicht anmerkt, die hätte ich sehr gerne im Mai zum Geburtstag besucht. Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminza Efraimstochter Langstrumpf feiert 2020 ihren 75. Geburtstag.

Dieses abenteuerlustige, hilfsbereite und mutige Mädchen hat mich durch meine Kindheit begleitet. Unabhängig und konsequent geht sie ihren eigenen Weg und lebt ihr Leben so, wie es ihr wichtig ist. Immer wieder fordert sie dabei ihre Mitmenschen auf, die eingefahrenen Denkmuster auf den Kopf zu stellen. Nur eines will sie nie werden: Erwachsen. Dagegen schluckt sie sogar Pillen! Stellen sie sich mal vor, wie es wohl wäre, wenn Pippi Langstrumpf doch erwachsen geworden wäre. Was wäre sie für ein Mensch? Auf welche schönen und auch schweren Erinnerungen könnte sie an ihrem Geburtstag zurückblicken?

Könnte sie einstimmen die Monatslosung für August 2020 aus Psalm 139:
„Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.“?

Für mich klingt in diesen Worten vieles an, was ich in der Begegnung mit lebenserfahrenen Menschen häufig spüren kann: Ich höre ein Staunen über das Wunder des Lebens. Eine tiefe Dankbarkeit für alle guten Gaben, die Gott uns zugedacht hat, die vielfältigen Fähigkeiten, die im Laufe eines Lebens zum Vorschein kommen und uns zu dem Menschen machen, der wir sind.

Vielleicht könnte auch Pippi Langstrumpf als gereifte, ältere Dame im Rückblick auf Ihr Leben sagen: „Gott macht uns die Welt, wie sie ihm gefällt. Und siehe, es war sehr gut!“

Ich wünsche Ihnen viele Momente zum Staunen und Freuen, Lernen und Reifen.

Beate Wagner, Diakonin der Kirchengemeinden Christuskirche und St. Johannis


Schule und Lernen in Zeiten von Corona

„Lernen und Reifen“ zieht sich durch alle Phasen des Lebens hindurch, ist aber besonders mit der Schulzeit verbunden. Die Corona-Krise hat den Lernort „Schule“ in den letzten Monaten großen Veränderungen unterworfen. „Lernen“ in gewohnter Weise wurde unmöglich. Statt dessen traten digitale und mediale Formen des Lernens in den Vordergrund. Zugleich wurde neu bewusst, wie sehr Lernen und Reifen an Personen, Begegnungen und Vorbilder geknüpft ist.

Im Folgenden berichten drei LehrerInnen und zwei Mütter von ihren Erfahrungen.

Enno Weidt, Pfarrer in St. Johannis

Silke S., Leiterin einer Grundschule

Auf einmal war alles anders. Lernen fand nicht mehr in der Schule statt, sondern zu Hause. Zuerst waren wir Lehrer sehr besorgt, ob das alles so klappt, aber an unserer kleine Schule konnten wir die Schüler sehr gut mit Arbeitsmaterial versorgen und sahen durch Online-Unterricht diese bald wieder „persönlich“ auf dem Bildschirm. Es kehrte so eine Art Normalität ein. Jetzt, da wir alle wieder in der Schule sind, merken wir, wie gut es uns tut, wieder zusammen zu sein. Wir merken, dass der persönliche Kontakt sehr wichtig ist. Unterricht besteht ja nicht nur aus reiner Wissensvermittung. Oft besprechen wir auch Probleme oder freudige Erlebnisse, welche die Kinder mit in die Schule tragen. Gemeinsame Schulzeit ist durch Corona etwas sehr Wertvolles geworden. Unsere Schüler freuen sich jeden Tag, wieder in die Schule zu gehen, und uns Lehrer und vor allem natürlich ihre Freunde zu treffen. In der Schule wird Gemeinschaft erlebt und die Schüler lernen durch ihr Verhalten, Verantwortung zu übernehmen für die Schüler, die aufgrund von Corona leider noch nicht zu uns in den Unterricht kommen können.

Petra F., Lehrerin an einer Grund/Mittelschule

Das Coronavirus hat unser aller Leben maßgeblich beeinflusst und verändert. Unsere Bewegungsfreiheit war und ist eingeschränkt, soziale Kontakte wurden auf das Notwendigste beschränkt und das gesamte gesellschaftliche Leben kam zum Erliegen. Von einem Tag zum anderen mussten auch die Schulen und Kitas schließen. Homeschooling war angesagt und ich hatte zu meinen Schülern nur noch Kontakt über Telefon und E-Mail. Dabei wurde ganz schnell deutlich, dass es in Sachen Digitalisierung noch viel zu tun und zu verbessern gibt. So erhielt ich beispielsweise die erledigten Aufgaben meiner Schüler vielfach über ein Foto, das sie mit ihrem Smartphone aufgenommen hatten. Ich war glücklich, als endlich Ende April der Präsenzunterricht wieder anfing.
Die erzwungene Entschleunigung hat uns aber auch zum Nachdenken gebracht: Ist es wirklich gut, immer mehr haben zu wollen, immer besser und schneller zu sein und dabei unser ökologisches Gleichgewicht immer weiter zu belasten? Auf die Schule übertragen müssen wir uns fragen, ob immer mehr Wettbewerb und höherer Leistungsdruck das ist, was wir wollen. Sicherlich nicht! Deshalb ist es gut, diese Krise auch als Chance für Veränderungen zu ergreifen, damit alle Kinder gute Lernchancen haben und die Schere im Bildungssystem nicht noch weiter auseinandergeht.

Markus D., Lehrer an einem Gymnasium

Mich haben in den letzten Wochen zwei Begriffe begleitet und immer wieder motiviert weiterzumachen – Gelassenheit und Vertrauen.
Gelassenheit - wenn durch immer wieder neue Vorgaben die gerade ausgearbeiteten Konzepte wieder über den Haufen geworfen wurden oder neue Ideen nicht immer sofort umsetzbar waren. Diese Gelassenheit könnte auch für die Zukunft ein Gewinn sein, dass man nicht immer alles bis zum Schluss planen kann und flexibel auf alles Neue reagieren muss.
Vertrauen - in die eigene Fähigkeit auf die veränderten Anforderungen als Lehrer immer angemessen reagieren zu können. Dazu gehört auch, die neuen didaktischen Möglichkeiten im digitalen Lernen immer wieder neu abzuwägen und neue Wege mit bewährten Strategien zu verbinden. Das Vertrauen bestand auch darin, den Schülern viel Selbstverantwortung im eigenen Lernen zu geben. Wichtig war das Vertrauen der Schüler, dass ihre Lehrer auch auf Distanz für sie da sind. Mich hat das Vertrauen der Eltern und Schüler motiviert, mich täglich zu verbessern und ganz persönlich für meine Schüler da zu sein. Aber bei all dem Vertrauen in diese neue digitale Schulwelt kann nichts den persönlichen Kontakt von Schülern und Lehrern in der Schule ersetzen. Es war beeindruckend zu sehen, wie motivierend die persönlichen Gespräche mit Schülern nach der Rückkehr in die Schule war und wie wichtig es ist, die Schüler aus ihrer „Corona-Ruhe“ aufzuwecken.

Eine Mutter von zwei schulpflichtigen Kindern

Als wir Mitte März erfahren haben, dass die Schulen unserer Kinder (4. und 8. Klasse) geschlossen haben, war für uns noch gar nicht absehbar, was da auf uns zurollen würde. Da mein Mann im Homeoffice tätig ist, haben die Kinder zwar immer ein Elternteil zu Hause, sie mussten aber lernen, nicht in wichtige Telefonate zu platzen, wenn es Fragen zu den Hausaufgaben gab. Andere Aufgabenbereiche als gewohnt mussten wir meistern, uns täglich neuen Vorgaben und Verordnungen anpassen und plötzlich arbeiteten beide Elternteile am Wochenende. Dies erforderte genau Absprachen untereinander und extreme Flexibilität der ganzen Familie.
Die Sorge, ob es allen Klassenkameraden, den Nachbarn und Freunden gut ginge, haben wir gemeinsam geteilt und viel mit den Kindern über die notwendigen Schutzmaßnahmen gesprochen. Der erste Schultag nach der Corona-Pause war für alle sehr wohltuend und die Kinder waren wieder viel ausgeglichener.
Während das eine Kind in der einen Woche frei und in der nächsten Woche drei Tage Schule hat bis zu den Sommerferien, wechseln in der Grundschule die freien Tage mit den Schultagen ab. Wir haben uns im Kalender Markierungen gemacht, damit wir nicht aus Versehen das falsche Kind wecken und in die Schule schicken. Wir hoffen sehr, dass nach den Sommerferien wieder ein einigermaßen normales Schul- und Arbeitsleben möglich ist und wir alle gesund bleiben.

Eine Mutter von einem Schulkind und einem angehenden Kindergartenkind

Als Mama von zwei Kindern (7 und 3 Jahre) ist Lernen in der Corona-Zeit für mich voll und ganz mit dem Thema Homeschooling verknüpft. Mein Großer ist in der ersten Klasse an der Montessori-Schule, meine Kleine darf im Herbst ins Kinderhaus Pusteblume.
Auf der einen Seite hilft es uns, dass jedes Kind in seinem eigenen Tempo lernt und wir damit auch in dieser Zeit vieles selbst entscheiden können. Der Umbruch ist allerdings umso härter.
Aber Schule heißt jetzt: Jeden Tag kommen neue Arbeitsblätter aus dem Drucker. Unsere Lehrerin ist klasse! Täglich kommt ein neuer Brief an Ihre Schüler, mit Humor und Motivation - wirklich bewundernswert. Aber natürlich geht es einfach nicht anders! Mein Großer sitzt am Küchentisch und soll seine Arbeitsblätter ordentlich ausfüllen, während ich mit der Kleinen spiele oder selbst versuche in Mini-Portionen zu arbeiten.
Dass mein Sohn sich freut, als er endlich wieder - ein bisschen - zur Schule darf, ist kein Wunder. Schule ist zwar jetzt anders, aber alles ist besser als der Küchentisch mit Arbeitsblättern!
Was diese Zeit wirklich bedeutet hat, kann erst die Zukunft wirklich zeigen!


Lernen in der Bibel - eine lebenslange Aufgabe

Seit meiner Konfirmation begleitet mich ein Wort aus Psalm 86: „Weise mir, Herr, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit.“

In jeder Lebensphase, in jeder neuen Situation stellt mich dieses Bibelwort vor die Frage: wie hängen Gottes „Weisung“ und mein konkreter Lebensweg zusammen?
Die Bibel gibt darauf eine vielstimmeige Antwort:
Da werden Lebenserfahrungen zu kurzen und einprägsamen Sprichworten verdichtet, die in konkreten, schwierigen Situationen Orientierung anbieten:
„Wer eine Grube macht, der wird hineinfallen“ (Sprüche 26,27) oder „Hungert deinen Feind, so speise ihn mit Brot … dann du wirst feurige Kohlen auf sein Haupt häufen“ (Sprüche 25,21).
Alles Lernen wird in der Bibel daraufhin ausgerichtet, das wunderbare Wirken Gottes zu erfassen und seine Weisungen, die „Tora“, zu verinnerlichen. „Die rechte Gottesfurcht ist aller Weisheit Anfang“ (Sprüche 1,7).

Um in diesem Sinn „weise“ und „reif“ zu werden, muss der Mensch zur Erkenntnis gelangen, dass sein Leben begrenzt ist. „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden (Psalm 90,12).“
Nur so kann jemand im Leben die richtigen Prioritäten setzen. Der Zolleinnehmer Zachäus gewinnt diese Lebensweisheit, als Jesus mit seinen Jüngern in seinem Haus einkehrt. Er erkennt: „Heute ist diesem Haus Heil widerfahren“. Von nun an orientiert er sich an Gottes Geboten und teilt sein Hab und Gut mit den Armen.

Gottes Weisungen können einen Menschen in jeder Lebensphase vor neue Herausforderungen stellen. Das zeigt die Geschichte von Abraham. Zusammen mit seiner Frau Sara lässt er den „Ruhestand“ mit allem, was er sich vorgenommen hat, hinter sich. Abraham wird zum Ur-Bild eines Menschen, der sich im Vertrauen zu Gott auf einen neuen Weg einlässt, der ihn in eine unbekannte Zukunft führt. Er wird im hohen Alter Vater eines Sohnes und auf diese Weise zum Segen für die ganze Menschheit.

Was ist, wenn ein Lebensweg durch Leid und schwere Krisen führt? Im Buch Hiob wird in bewegenden Diskussionen festgestellt, dass tiefes menschliches Leiden alle Versuche, zu lernen und zu verstehen, sprengt. Es bleibt dann nur die Feststellung: „Siehe, Gott ist groß und unbegreiflich“ (Hiob 36,26).
Dagegen lernt der Profet Jona am Beispiel eines Strauches, der über Nacht verdorrt, wie unerschöpflich Gottes Güte und Barmherzigkeit sind. Gott jammern die vielen Menschen in Ninive, die weder wissen, was rechts oder links ist, so sehr, dass er von allen Gedanken Abstand nimmt, die böse Stadt Ninive zu vernichten (Jona 4,10).

Enno Weidt, Pfarrer in St. Johannis