500 Jahre Reformation - Jahresthema 2017

Themenreihe zum Reformationsjubiläum im Jahr 2017

Allein die Bibel - Türöffner zum gnädigen Gott

Es läutet an der Tür des Pfarrhauses. Eine Familie kommt zum Taufgespräch. Fragend und unsicher schauen mich Mutter, Vater und Pate an. Als sie das Pfarrhaus betreten, spüre ich: Sie betreten einen Raum, der für sie fremd ist.

Das Taufgespräch beginnt zögerlich. Als ich nach einen Taufspruch für ihren Sohn frage,  kommt prompt die Antwort: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“
Auf einmal wird das Gespräch lebendig. Der Vater berichtet, dass ihn dieser Spruch seit seiner Konfirmation begleitet. Die Mutter erzählt, wie ihr dieses Wort während ihrer komplizierten Schwangerschaft Halt gab. Mir wird deutlich: dieses Bibelwort ist für diese Familie eine Tür zum Glauben - zu einer Welt, die ihr ansonsten fremd geworden ist.

Auch Martin Luther war auf der Suche nach einer Tür, nach einem Weg zu einem gnädigen Gott. Er hatte sein Jurastudium deshalb an den Nagel gehängt und war Mönch geworden. Doch fand er auch in dem „heiligen“ Leben hinter Klostermauern keine Ruhe für seine aufgewühlte Seele. Er studierte die Bibel, immer und immer wieder. Schließlich stieß er auf einen Vers aus dem Römerbrief, der ihm die lang ersehnte Tür zu einem gnädigen Gott öffnete.
In diesem sog. „Turmerlebnis“ hatte Luther erfahren, dass der gnädige Gott durch die Bibel zu ihm gesprochen und ihn von seinen fürchterlichen Ängsten befreit hatte. Dieses persönliche Erlebnis sollte zum Kern der Reform der ganzen Christenheit werden.

Die Reform der Kirche, die Luther im folgenden mit allen Kräften anstrebte, war eine Rückkehr zu den biblischen Quellen. Laut dem humanistischen Wahlspruch „Ad fontes“ befreite er die Bibel von dem Wust der Traditionen, die sich in  vielen Jahrhunderten angesammelt hatten und das biblische Zeugnis verdunkelten. Luthers Ziel war es, dass alle Menschen das Wort der Bibel unmittelbar hören konnten.  

Dazu mussten die Menschen zum einen in die Lage versetzt werden, selber die Bibel zu lesen. Von hier erklärt sich die große Dynamik, mit der die Reformation die Bildung des ganzen Volkes vorantrieb.
Zum andern musste die Bibel lesbar und verständlich werden. Schon lange vor Luther hatten Gelehrte begonnen, die Bibel ins Deutsche zu übersetzen. Zur Zeit Luthers gab es eine unüberschaubare Anzahl von Übersetzungen der Bibel und einzelner Teile, die aber allesamt schlecht und unbrauchbar waren. So klang Psalm 23,1 in einer Übersetzung vom Ende des 15. Jahrhunderts bereits damals antiquiert:
„Der Herr der richt mich
und mir gebrast nit.“
Für Luther war die Notwendigkeit einer kompletten, sprachlich ansprechenden und verständlichen deutschen Bibelübersetzung evident.

Als Luther 1521 nach dem Reichstag zu Worms von seinem Landesfürsten Friedrich dem Weisen zum Schutz auf die Wartburg gebracht wurde, fand er die nötige Muße: in wenigen Wochen übersetzte er allein das Neue Testament. 1522 wurde das „Septembertestament“ gedruckt - und ein Riesenerfolg. Innerhalb eines Jahres erlebte es rund ein Dutzend Nachdrucke.
Nach seiner Rückkehr nach Wittenberg machte sich Luther an die Arbeit, auch das Alte Testament zu übersetzen. Dieses Mal stand ihm ein ganzes Kollegium von Wissenschaftlern zur Seite. Das wesentlich umfangreichere AT erschien in Etappen. Erst 1534 konnte eine Gesamtausgabe der Bibel  herausgegeben werden.
Die Wirkungsgeschichte der „Lutherbibel“ ist in mehrfacher Hinsicht epochal. Luther hatte den „Leuten auf‘s Maul geschaut.“ Mit genialer Ausdrucksfähigkeit und sprachlicher Kreativität trug er wesentlich zum Entstehen der deutschen Schriftsprache bei. Zahlreiche Wortschöpfungen sind in unsere Alltagssprache eingegangen, wie „das Herz ausschütten“ oder „sich den Staub von den Füßen schütteln“. Kulturell prägte die Lutherbibel nicht nur den deutschen Sprachraum, sondern wirkte weit darüber hinaus auch nach Skandinavien und Osteuropa.

Die Lutherbibel erfüllt aber v.a. den Zweck, für den sie gedacht war. Sie wurde gelesen! Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts waren von der Lutherbibel mehr als eine halbe Million Exemplare gedruckt worden. Generationen von Kindern lernten in den folgenden Jahrhunderten das Lesen mithilfe der Lutherbibel.
Damit erschloss sich den zahllosen Lesern die Bibel mit einem spezifisch protestantischen Profil. Luther hatte z. B. bei Röm 3,28 das Wort „allein“ ergänzt: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird … allein durch den Glauben“.  Das wichtigste Ziel Martin Luthers erfüllt seine Bibelübersetzung bis heute: selbst da, wo Menschen die Bibel nicht mehr zur Hand nehmen, werden ihnen Worte aus der Heiligen Schrift zu Türöffnern zum göttlichen Heil. Am 30. Oktober 2016 wurde feierlich die neue revidierte Lutherbibel in der Georgenkirche zu Eisenach eingeführt. In ihr begegnen uns nach wie vor die vertrauten Worte,
z. B. des Psalm 23:
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“
Enno Weidt, Pfarrer in Forchheim St. Johannis

Frauen der Reformation

Argula von Grumbach (1492-1554) - „gelehrt, mutig, glaubensfest“

Im Mittelpunkt der Lutherdekade standen bedeutende männliche Theologen wie Luther, Melanchthon oder Calvin. Die Botschafterin der EKD für das Reformationsjubliläum, Margot Käßmann, fragt zu Recht: „Wer verbindet mit der Reformation Wibrandis Rosenblatt, Katharina Zell oder Argula von Grumbach? Allenfalls Katharina von Bora, Luthers Ehefrau, ist einem breiten Publikum ein Begriff.“

Die Erneuerung unserer Kirche vor 500 Jahren war jedoch ein Geschehen, das auch das Leben der Frauen, immerhin die Hälfte der Bevölkerung, maßgeblich verändert hat und an dem sie in unterschiedlichen Bereichen aktiv mitgewirkt haben.

Wie können wir uns die Lebensumstände von Frauen damals vorstellen?

In vorreformatorischen Zeiten  ging ein Großteil der Bevölkerung nicht zur Schule. Bildung blieb den Reichen und Adligen vorbehalten. Meist waren auch dort nur die männlichen Nachkommen im Blick. Den Töchtern blieb die Wahl zwischen der Ehe und dem Gang ins Kloster. Dort bekamen junge Frauen zwar eine gute Ausbildung und konnten innerhalb der klösterlichen Strukturen hohe Stellungen erreichen, sich aber nur sehr eingeschränkt in Gesellschaft, Kirche und Politik einbringen.

Ermutigt durch Luthers These vom Priestertum aller Gläubigen traten im 16. Jh. zahlreiche Frauen mit theologischen Publikationen an die Öffentlichkeit. Es war nun möglich, die befreiende Botschaft von Gottes Gnade, ohne den Umweg einer kirchlichen Autorität, selbst in der Bibel zu entdecken. Damit dies allen Getauften möglich war, führten die Reformatoren auch Mädchenschulen ein. Als Hausfrauen und Mütter kam ihnen eine Multiplikatorenfunktion zu: Von ihnen hing es ab, wie gut die heranwachsenden Bürgerinnen und Bürger das religiöse Bildungsgut verinnerlichten. Die höhere Bildung blieb indes nach wie vor den Jungen vorbehalten. Durch die Auflösung vieler Klöster waren Frauen im protestantischen Kontext bis ins ins 19. Jh. somit auf diese Rolle festgelegt.

Eine besondere Stellung hatte die Pfarrfrau inne, als „Mitdienerin des Wortes“, wie sie in Katharina von Bora noch heute idealisiert wird.
Neben der Verantwortung einer Hausfrau zählten die soziale Fürsorge für Arme und Kranke und die geistliche Fürsorge für die Kinder und das Gesinde zu ihren Aufgaben. Dies erforderte einen höheren Bildungsstand.

Trotz aller neuer Errungenschaften hatten es Frauen im 16. Jahrhundert nicht leicht:

Sie besaßen nur wenig eigene Rechte und standen unter der Bevormundung ihres Mannes. Frauen, die sich in dieser Zeit trauten, ihre Stimme in der Öffentlichkeit zu erheben, waren also etwas ganz Besonderes. Die Männerwelt reagierte oft empört, wenn Frauen öffentlich ihre Meinung in Fragen des Glaubens einbrachten. Eine Veröffentlichung konnte gar gravierende Folgen haben. Und doch ließen sich einige Frauen nicht davon abschrecken, sich an der theologischen Diskussion zu beteiligen.

Eine davon, Argula von Stauff, stammte aus dem fränkischen Beratzhausen.

Die Eltern, verarmt, aber aus altem bayrischen Adel stammend, legten großen Wert auf die Bildung ihrer Kinder. Als junges Mädchen begann sie nach dem frühen Tod ihrer Eltern, selbstständig die Bibel zu studieren. 

Argula war eine der ersten Frauen, die sich öffentlich für die Reformation einsetzten und stand in regem Briefwechsel mit Luther. Mit ihren Flugschriften erreichte sie hohe Auflagen. Besonders bemerkenswert ist ihre Korrespondenz mit dem Rektor der Universität in Ingolstadt. Sie stellte sich darin als Frau gegen die gelehrte Männerwelt und setzte sich für einen jungen Magister ein, der unter Gewaltandrohung zum Widerruf  der lutherischen Lehre gezwungen worden war. Durch ihren furchtlosen Einsatz hatte sie mit persönlichen Repressalien zu kämpfen: Ihr katholischer Ehemann verlor aufgrund ihrer Unbeugsamkeit seine Stellung und die Familie stellte sich gegen Argula. Auf dem Reichstag in Nürnberg sprach sie sich trotzdem weiter für die freie Verkündigung des Evangeliums aus.

Wie die unerschrockene „fränkische“ Reformatorin Argula von Grumbach haben zahlreiche Frauen die Gedanken der Reformation an ihrem Platz und mit ihren Möglichkeiten gelebt und weitergetragen. Es lohnt sich, diesen Frauen mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
Beate Wagner, Diakonin in Forchheim St. Johannis und Christuskirche

Reformation und Gesellschaft

Im Jahr 1414 reiste ein Theologe zum Konzil nach Konstanz, der seine Kirche auf Basis der Bibel reformieren wollte. Trotz freien Geleits kam er in Haft. Da er bis zuletzt jeden Widerruf verweigerte, wurde er 1415  als Ketzer verbrannt. Sein Name: Jan Hus.

107 Jahre später machte sich wieder ein Theologe auf, um die weltlichen und geistlichen Reichsstände in Worms zur Abschaffung von Missständen und zur Umkehr zur Bibel aufzurufen – Martin Luther. Auch er wurde zum Widerruf aufgefordert, den er mit den berühmt gewordenen Worten ablehnte:
„Ich kann und will nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen.“
Das ihm zugesicherte freie Geleit wurde diesmal eingehalten. Auf der Rückreise vom Reichstag nahm ihn sein Landesherr Friedrich der Weise heimlich in Gewahrsam und schützte ihn so vor der verhängten Reichsacht (Fried- und Rechtloserklärung).

Anders als bei Jan Hus und vor ihm noch anderen kirchlichen Reformationsbewegungen wie den Katharern und den Waldensern (ab 12. Jh.) war es nun nicht mehr einfach möglich, den Abweichler und seine Anhänger mit der Inquisition zu verfolgen und sie möglichst auszulöschen. Was hatte sich in den reichlich hundert Jahren seit 1415 in Europa verändert?
Während das Konstanzer Konzil zeit- und geistesgeschichtlich noch im Mittelalter stattfand, gehört die Reformation Luthers zum Beginn der Neuzeit  - einer völlig neuen Epoche Europas. Nach der Frühgeschichte, dem Altertum (Mitte 4. Jahrtausend bis 5. Jh.) und dem Mittelalter (6. Jh. bis 15. Jh.) brach nun ein anderes Zeitalter an, das bis heute andauert. Die zeitliche Abgrenzung wird zwar noch diskutiert, aber folgende wichtige Daten gehören sicherlich dazu:

  • die osmanische Eroberung Konstantinopels (des ehemaligen Ost-Roms) 1453, die viele Gelehrte nach Italien flüchten und damit den Humanismus aufblühen ließ;
  • die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg um 1450, eine Revolution bei der Verbreitung von Informationen;
  • die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus 1492, die das europäische  Weltbild beträchtlich erweiterte. Dazu kam ab dem 15. Jh. die Geistesbewegung der Renaissance, die von humanistischer Bildung außerhalb eines religiösen Zusammenhangs geprägt war, die Individualität des Menschen neu entdeckte und damit das Deutungsmonopol der Kirche in Frage stellte. Zugleich geriet das herrschende Feudalsystem u.a. durch die Einführung des römischen Rechts in eine tiefe Krise. Im 16. Jahrhundert folgte dann der Aufstieg der modernen Naturwissenschaften mit dem neuen heliozentrischen Weltbild (die Kugelgestalt der Erde war dagegen schon seit dem Altertum bekannt), der Loslösung der Empirie (des Experiments!) von der Tradition und anderen wichtigen Umwälzungen.

Die Reformation war also beileibe nicht das zentrale Ereignis dieser Epoche, leistete aber wichtige Beiträge zur Ausgestaltung der Neuzeit. Stellvertretend für sie sollen drei Punkte herausgegriffen werden:

  1. Die Emanzipation des Staates von der Kirche
    Das Verhältnis von Staat und Kirche war immer problematisch. Neben dem Machtanspruch der katholischen Kirche auf alle weltlichen Mächte gab es die geistlichen Herrschaften, in denen Bischöfe u.a. selbst weltlich agierten. Die Reformation stutzte die Machtansprüche Roms, säkularisierte die kirchlichen Besitztümer in ihrem Bereich und teilte sie den weltlichen Herrschern zu. Diese Möglichkeit motivierte viele Herrscher und reichsfreie Städte, die Reformation zu unterstützen. Daraus entwickelte sich das  Landesherrentum, später die Trennung von Staat und Kirche.
  2. Die Bildung
    Durch die Säkularisierung wurden die mittelalterlichen Bildungsstrukturen (vor allem Klosterschulen) zerstört. Die damit einhergehende starke Reduzierung der geistlichen Berufe nahm vielen Eltern die Motivation, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Luther bemühte sich, neue Schulformen und –begründungen zu finden: So betonte er das allgemeine Priestertum aller Gläubigen, das gebildete, des Lesens und Schreibens kundige Christen nötig habe. Außerdem reagierte er damit auf den schwärmerischen, bildungsfeindlichen Flügel der Reformation mit dessen Betonung der Unmittelbarkeit des Geistes. Er öffnete die Standesschranken und ermöglichte die Schulbildung auch für Mädchen. Schulen sollten weder von der Kirche noch vom Landesherrn, sondern von den Kommunen betrieben werden.
  3. Die Gewissensfreiheit
    Das reformatorische Grundprinzip „sola scriptura“ („allein die Schrift“) sowie die Betonung Christi als „Mitte der Schrift“ ermöglichten eine Trennung vom kirchlichen Lehramt und den kritischen Umgang mit Entscheidungen und Lehren der Kirche und des Staates. Damit erhielt die humanistische Aufwertung des Gewissens eine christliche Begründung. Die Möglichkeit unterschiedlicher Gewissensentscheidungen bereitete den Nährboden für die spätere Aufklärung und ihre Forderung nach Toleranz. Seither hat jeder Christ das Recht, sich von seinem Gewissen leiten zu lassen und jedem Machtanspruch kirchlicher und staatlicher Organe zu widerstehen. Alles darf vor dem Hintergrund der Bibel hinterfragt werden, nichts muss mehr blind geglaubt werden oder ist alternativlos.
    Michael Krug, Pfarrer in Forchheim St. Johannis

Der fremde Luther -

eine schmerzliche Herausforderung für das Reformationsjubiläum

Am 30. Oktober 2003 erfolgte der Kinostart des Films „Luther“. Viele Menschen lockte er in die Kinos. In der Tat ist „Luther“ ein sehenswerter Kinofilm über das Wirken des Reformators. Eine beeindruckende Szene des Films richtet die Aufmerksamkeit auf eine ärmliche Frau. Aus Scham versteckt sie ihre behinderte Tochter. Martin Luther missbilligt im Film das Verhalten der Frau und ermutigt
sie, ihre Tochter als Geschenk Gottes zu betrachten und mit ihr am Leben der Stadt Wittenberg teilzunehmen.

Diese Szene ist in der Tat berührend. Man kann sie als eine treffliche Veranschaulichung von Luthers Erkenntnis verstehen, dass wir unseren Rückhalt in Gottes Ja suchen sollen und nicht in der Anerkennung von Seiten unserer Mitmenschen. Jene Episode im Film hat allerdings einen Haken. Der reale Luther hat sich über Menschen mit Behinderung in einer anderen Weise geäußert. Über einen 12-jährigen Jungen mit schwerer Behinderung meinte er: Man solle das Kind erwürgen. Auf die Frage, warum, erklärte er: „Ich glaube schlicht, es sei ein Stück Fleisch ohne Seele“ (nach: Weimarer Ausgabe, D. Martin Luthers Werke, Kritische Gesamtausgabe, Tischreden, Band V, Nr. 5207). Hier sehen wir Luther als Kind seiner Zeit, beeinflusst vom mittelalterlichen Aberglauben, der Behinderungen mit Hilfe dämonischer Mächte zu erklären versuchte.
Ebenso unerträglich, aber bekannter sind seine feindseligen Aussagen über Juden: „Man solle ihre Synagogen oder Schulen mit Feuer anstecken“, um nur eine dieser Aussagen zu nennen, die zu zitieren Überwindung kostet. Hier hilft auch nicht der Hinweis, dass der junge Luther sich deutlich für die Duldung von Juden aussprach. Die Aussagen des späten Luther über Juden waren in ihrer Polemik so maßlos, dass selbst einige seiner Mitstreiter mit Befremden auf sie reagierten.

Nun begehen wir in diesem Jahr das 500. Reformationsjubiläum. Die Gefahr ist dabei groß, in erster Linie Luthers Verdienste in den Mittelpunkt zu stellen. Ohne Zweifel hat er Großes geleistet: Da ist beispielsweise sein mutiges Eintreten für die Erkenntnis, dass der Mensch von Gott aus Gnade angenommen wird und nicht durch eigene Werke. Da ist seine Bibelübersetzung, die eine bewundernswerte Leistung darstellt. Noch andere Beispiele ließen sich hier aufführen. Und doch meine ich: Es sollte für die evangelische Kirche ein Gebot der Redlichkeit sein, auch die Seiten des Reformators zu thematisieren, an die zu erinnern für alle, die sich seinem Erbe verbunden wissen, schmerzlich ist.

In diesem Zusammenhang lohnt es sich zu fragen, wie Martin Luther sich selber sah. Er sagte einmal: „Zum ersten bitt ich, man wollt meines Namen schweigen und sich nicht Lutherisch, sondern Christ heißen. Was ist Luther? Ist doch die Lehre nicht mein. So bin ich auch für niemand gekreuzigt. Der Heilige Paulus (1. Kor 3,4f.) wollt nicht leiden, dass die Christen sich sollten heißen Paulinisch oder Petrisch, sondern Christen. Wie käme denn ich armer stinkender Madensack dazu, dass man die Kinder Christi sollt mit meinem heillosen Namen nennen?“

Eine Kirche, die sich dem Erbe Luthers verpflichtet weiß, wird also nicht die Person des Reformators in den Mittelpunkt stellen wollen. Sie wird aber das in den Mittelpunkt stellen, was Luther bei seinem Bibelstudium wieder entdeckte: Dass Gott uns Menschen in Liebe bejaht, obwohl wir Sünder sind und bleiben. Eine Kirche, die sich in der Tradition Luthers sieht, wird also der Vergebungsbedürftigkeit ihres Reformators ebenso gewahr werden wie der eigenen. Selbstgerechtigkeit wird für sie ausgeschlossen sein. Sie wird in Anbetracht eigenen Versagens anderen Konfessionen und Religionen in Respekt und Offenheit begegnen.
Martin Luther hat einmal im Rückblick auf sein Wirken festgestellt: „Gottes Wort hat, wenn ich geschlafen hab, wenn ich wittenbergisch Bier mit meinen Freunden
Melanchthon und Amßdorff getrunken hab, alles getan. Ich hab nichts gemacht, ich hab das Wort lassen handeln.“ Eine Kirche, die bei Luther in die Schule gehen will, wird bei ihm also immer auch dieses eine lernen dürfen: Das, was Kirche zur Kirche macht, ist nicht abhängig von den Stärken oder Grenzen ihrer Menschen, sondern ist in Gott gegründet.
Christian Muschler, Pfarrer in Forchheim Christuskirche

Neuer Schwung für den Gottesdienst

Martin Luther machte den Gottesdienst zum Motor der reformatorischen Bewegung. Wie kann der Gottesdienst heute wieder zum Mittelpunkt einer zeit- und evangeliumsgemäßen Kirche werden?

Die Zahlen sind alarmierend: Von 2004 bis 2014 ging die Zahl der Gottesdienstbesucher innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland um rund 25 % zurück. Im Jahr 2016 besuchten im Durchschnitt nur noch 3,5 % der deutschen Protestanten den sonntäglichen Hauptgottesdienst. Ohne neue Aufbrüche wird sich dieser Trend fortsetzen. Ist doch die überwiegende Mehrzahl der BesucherInnen älter als 60 Jahre. Da lohnt ein Blick in die Reformationszeit, in der der Gottesdienst neu gestaltet und mit Leben gefüllt wurde.

Gottes Gnade kann man sich nicht verdienen.

Der kritische Blick auf die Gottesdienstkultur seiner Zeit versetzte den jungen Mönch Martin Luther in Rage. Luther hatte durch intensives Bibelstudium erkannt, dass Gottes Gnade dem Glaubenden geschenkt wird. Umso mehr schmerzte ihn, wie sehr die mittelalterliche Messe vom Verdienstgedanken durchdrungen war. Der Gottesdienst war zu einem „guten Werk“ verkommen. Die Menschen meinten, mit dem Gottesdienst ein Opfer bringen und für ihre Sünden Sühne leisten zu können.
Aus dieser „Babylonischen Gefangenschaft der Kirche“ (so der Titel einer Lutherschrift aus dem Jahr 1520) musste auch der Gottesdienst befreit werden. Alles, was den Anschein erwecken könnte, der Mensch würde sich Gottes Gnade verdienen, war nach Luthers Ansicht aus dem Ablauf des Gottesdienstes zu entfernen. Das galt für einzelne Elemente wie die Opfertheologie beim Abendmahl genauso wie für den Gottesdienst als ganzen: Luther verwahrte sich gegen die Möglichkeit, Seelenmessen für Verstorbene zu lesen oder in „Winkelmessen“ ohne Gemeindebeteiligung irgendwelche Heilige zur Fürsprache vor Gott anzurufen.

Die Predigt rückt in den Mittelpunkt.

Stattdessen rückte Luther die Predigt, die bisher eine untergeordnete und vorbereitende Funktion hatte, ins Zentrum und stellte sie in ihrer Bedeutung dem Abendmahl gleich: die Predigt war gleichsam Gottes lebendiges Wort, die „viva vox evangelii“. Durch die Predigt sollte den Menschen Gottes gnädiges Wirken und das durch Jesus Christus erwirkte Heil ins Herz geschrieben werden. Als Prediger legte Martin Luther selber mit Leidenschaft und schöpferischer Sprachgewalt die Heilige Schrift aus und verkündete in immer neuen Bildern die frohe Botschaft von der freimachenden Gnade Gottes. Durch die Predigt – davon war Luther überzeugt – spricht Gott selbst zu den Menschen, sein Heiliger Geist wirkt „wo und wann er will“ den rechten Glauben an Jesus Christus.
Luther predigte mehrmals in der Woche, auf Reisen zumeist täglich. Die Menschen strömten in Massen zu ihm. Seine Predigten wurden begeistert gehört, mitgeschrieben, gesammelt und als Luthers „Hauspostillen“ veröffentlicht (1521). Jahrhundertelang schulten sich lutherische Pfarrer in Deutschland und Skandinavien an Luthers Predigten. Architektonisch fand Luthers Gleichstellung und Zuordnung von Predigt und Abendmahl Ausdruck im typisch evangelischen Kanzelaltar (siehe Titelbild).

Zum Gottesdienst gehört die aktiv mitwirkende Gemeinde.

Neben der Predigt gab Luther der feiernden Gemeinde eine neue Bedeutung. Für ihn war Kirche nichts mehr und nichts weniger als die sich um Wort und Sakrament sammelnde Gemeinde. Priester und Klerus verloren ihre Sonderstellung – augenfällig in der Abschaffung der bunten und kostbaren Messgewänder. Alle Gläubigen waren grundsätzlich „Priester“ und aufgerufen, die frohe Botschaft zu verkünden. Das neue Selbstbewusstsein der Gemeinde fand Ausdruck in der Abendmahlsfeier unter beiderlei Gestalt und im Gesang. Allein 1524 dichtete Martin Luther 24 deutsche Lieder für den Gemeindegesang im Gottesdienst und schuf damit die Basis für die evangelische Kirchenmusik. Im Lobpreis, im Singen, konnte die Gemeinde voller Dankbarkeit auf Gottes gnädiges Wirken antworten.
1526 erschien Luthers Entwurf der „Deutschen Messe“. Der Gottesdienst in deutscher Sprache mit der Predigt im Zentrum und mit der aktiven Beteiligung der Gemeinde wurde zum Erfolgsmodell, das sich in Windeseile in weiten Bereichen Europas verbreitete. Eine einheitliche Gottesdienstordnung für den evangelischen Gottesdienst konnte sich nicht durchsetzen. Dafür war die kleinteilige Struktur der späteren evangelischen Landeskirchen ungünstig. Zudem hatten die schweizerischen und oberdeutschen Reformatoren einen alternativen schlichten Gottesdiensttyp geformt, der dem mittelalterlichen Predigtgottesdienst entwachsen war.

Der Gottesdienstbesuch ist ein großartiges Angebot Gottes.

In Wittenberg musste der gefeierte Reformator und Prediger Martin Luther auch eine bittere Erfahrung machen: die Menschen gewöhnten sich an die evangelische Freiheit und blieben den Gottesdiensten mehr und mehr fern. Inzwischen kannte ja jedes Kind den gnädigen Gott, der aus Liebe allen verzeiht. Diese Entwicklung traf Luther schwer. Sein Landesfürst bot ihm an, die Gemeinde zu „disziplinieren“. Doch trotz leerer werdender Kirchen lehnte Luther jeden Zwang zum Gottesdienstbesuch ab.
Als Erben der Reformation stehen auch wir vor der großen Herausforderung, Menschen werbend für den Gottesdienst zu gewinnen. Es gilt, Menschen davon zu überzeugen, welche tiefe und bereichernde Bedeutung der Gottesdienst für ihr Leben, für ihren Alltag haben kann. Im Gottesdienst hören Menschen nicht nur die lebendige und lebensschaffende Stimme des Evangeliums. Menschen erfahren ganz persönlich, wie Gott sie in Liebe ansieht und anspricht. Und Menschen sind eingeladen, im Gottesdienst aktiv mitzuwirken: im Lied, im Gebet, beim Abendmahl, in der Verkündigung oder in der Gestaltung.
Enno Weidt, Pfarrer in Forchheim St. Johannis

Jörg Kreutzer predigte bereits 1524 „lutherisch“ in Forchheim

Die neuen reformatorischen Gedanken fassten auch im Gebiet des Bistums Bamberg rasch Fuß. Der damalige Bischof Georg III. Schenk von Limburg starb am 31.5.1522 in Bamberg. Ihm folgte auf dem Bischofsstuhl Weigand v. Redwitz. Dieser hatte die schwierige Aufgabe, die immer weiter fortschreitende Reformation im Bistum Bamberg im Zaum zu halten. Von entscheidenden Maßnahmen, diese zu bekämpfen, nahm er jedoch Abstand. So wuchs der Einfluss der Luther-Anhänger, da die Beamten und Personen, die Luther nahe standen, ihre Positionen behielten.

Der Forchheimer Geistliche Jörg Kreutzer hatte am 21. April 1510 im Heilig-Geist-Spital in Nürnberg seine Primitz gefeiert und war Prediger und Mauritius-Vikar an der Stiftskirche St. Martin in Forchheim. Er predigte, wie es heißt, um das Jahr 1524 „das Luthertum“, also wird er auch auf die ungerechten sozialen Verhältnisse zu dieser Zeit hingewiesen haben und deshalb vielleicht unbewusst die Unzufriedenheit und den Aufruhr unterstützt haben, der die Erhebung der Bauernschaft mit auslöste.

Am Pfingsttag, dem 15. Mai 1524, weigerten sich die Bewohner von Eggolsheim, Drosendorf, Ebermannstadt und dem Umland beharrlich, den vollen Zehnten an den Domprobst Marquart v. Stein zu entrichten, und 25 Forchheimer Bürger fischten außerdem dessen Weiher leer.

Das Domkapitel betrachtete diese Vorgänge mit größter Sorge, und Bischof Weigand drohte strenge Strafen an. Das Domkapitel verlangte außerdem, die Anstifter vom Pfingstfest zur Rechenschaft zu ziehen. Bischof Weigand ließ ein Mandat ausgehen, das den Zehnten auch weiterhin gebot und alles Zusammenrotten mit strengen Strafen bedrohte. Als dieses Mandat der fürstbischöfliche Schultheiß Wilhelm von Wiesenthau am Fronleichnamstag, dem 26. Mai 1524, aushängen ließ, brach dann der Sturm los, der neben den Forchheimern auch die Bauern im Regnitzgrund, im Aischgrund und im Ebermannstädter Raum erfasste. Die Aufständischen stürmten das Forchheimer Rathaus und setzten den Rat ab. Der Schultheiß Wilhelm von Wiesenthau floh überstürzt aus der Stadt. In der Nacht wurden die Bauern von Eggolsheim, Reuth und nahegelegenen Dörfern zum Mitmachen aufgefordert – die auch tatsächlich am nächsten Tag in die Stadt kamen.
Nachdem alles Beruhigen vergeblich war, erschien der Bamberger Bischof Weigand von Redwitz mit einer Streitmacht von einigen hundert Mann und nahm Anfang Juni die Stadt ein. Doch ließ er seinem Charakter entsprechend Milde walten. Die Rädelsführer allerdings erfuhren die gebührende Strenge, etliche wurden am Leib gestraft. Der Forchheimer Stiftsprediger Kreutzer wurde mehrere Monate in Bamberg in Haft gehalten. Damit war der Forchheimer Aufstand erledigt.
Jörg Kreutzer predigte bereits 1524 „lutherisch“ in Forchheim

Die neuen reformatorischen Gedanken fassten auch im Gebiet des Bistums Bamberg rasch Fuß. Der damalige Bischof Georg III. Schenk von Limburg starb am 31.5.1522 in Bamberg. Ihm folgte auf dem Bischofsstuhl Weigand v. Redwitz. Dieser hatte die schwierige Aufgabe, die immer weiter fortschreitende Reformation im Bistum Bamberg im Zaum zu halten. Von entscheidenden Maßnahmen, diese zu bekämpfen, nahm er jedoch Abstand. So wuchs der Einfluss der Luther-Anhänger, da die Beamten und Personen, die Luther nahe standen, ihre Positionen behielten.

Der Forchheimer Geistliche Jörg Kreutzer hatte am 21. April 1510 im Heilig-Geist-Spital in Nürnberg seine Primitz gefeiert und war Prediger und Mauritius-Vikar an der Stiftskirche St. Martin in Forchheim. Er predigte, wie es heißt, um das Jahr 1524 „das Luthertum“, also wird er auch auf die ungerechten sozialen Verhältnisse zu dieser Zeit hingewiesen haben und deshalb vielleicht unbewusst die Unzufriedenheit und den Aufruhr unterstützt haben, der die Erhebung der Bauernschaft mit auslöste.

Jörg Kreutzer ging nach seiner Freilassung nach Nürnberg, schloss sich ganz dem Luthertum an, heiratete und wirkte dort als evangelischer Geistlicher weiter. Er war Pfarrer in Mögeldorf und starb 1547.

Das Gedankengut der Reformation war aber in Forchheim nicht zu Ende. Ein Nachfolger Kreutzers war Johann Kraus aus Pottenstein. Er wurde beschuldigt, Jörg Kreutzer unterstützt zu haben, und wurde am 23. Januar 1526 durch den Generalvikar Georg v. Egloffstein gefangengenommen und ebenfalls wie Kreutzer in Bamberg gefangengehalten. Für die lutherisch Gesinnten gab es durch die Nähe des markgräflichen Gebietes, das bis nach Baiersdorf reichte, die Möglichkeit, evangelische Gottesdienste zu besuchen.

Am 13. Mai 1552 nahm der Markgraf Albrecht Alkibiades im sogenannten zweiten Markgrafenkrieg die Stadt Forchheim ein und zwang die Einwohner, den Eid auf das Augsburger Bekenntnis abzulegen. Nach der Vertreibung der katholischen Priester setzte Alkibiades drei evangelische Prediger, Christoph Evander, Johann Schnabel und Andreas Pankratius, in Forchheim ein. Zeitgleich führte der Markgraf die „Nürnberg-Brandenburgische Kirchenordnung aus dem Jahre 1533“ ein.
Die Kirchengemeinde St. Johannis besitzt ein Exemplar davon, das als Dauerleihgabe im Fränkische-Schweiz-Museum in Tüchersfeld ausgestellt ist.
Lothar Fietkau, Prädikant

"500 Jahre Reformation" und Ökumene?

Das Reformationsjubiläum 2017 ist das erste Reformationsgedenken, das sehr stark ökumenisch begangen wird.
Nun ist die Ökumene auch nicht auf das evangelisch-katholische Verhältnis beschränkt, so sind z. B. in der ACK (Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen) Bayern alleine 19 Kirchen zusammengeschlossen, zwei weitere haben den Gaststatus und vier ökumenische Organisationen wirken mit.

„Versöhnt miteinander“

Zu Beginn des Jubiläumsjahres hat die ACK ein Wort zu „500 Jahre Reformation“ veröffentlicht. Unter dem Motto „Versöhnt miteinander“ entwirft das Wort Perspektiven und Zugänge für das Jahr 2017. In fünf Schritten regt das Papier dazu an, das Jahr 2017 ökumenisch zu betrachten: die Impulse der Reformation aufzunehmen, gemeinsam die Folgen der Kirchenspaltung zu bedenken, wechselseitig voneinander zu lernen und die Zukunft ökumenisch zu gestalten. „Gemeinsam leben wir in dem Bewusstsein, dass die Gaben des Geistes Gottes, die in einer christlichen Kirche bewahrt worden sind und gegenwärtig gelebt werden, auch andere Kirchen bereichern können“, heißt es in dem Wort. Gemeinsam könne man die durch die Reformation wieder in den Mittelpunkt gerückten biblischen Einsichten ökumenisch feiern. Dazu gehörten die Wertschätzung der Bibel als der gemeinsamen Basis des Glaubens, die Ausrichtung des christlichen Glaubens an der Gnade Gottes sowie die Überzeugung von dem in Glaube und Taufe begründeten Priestertum aller Christinnen und Christen. Dies sei untrennbar vom Gedenken an die zahlreichen Opfer religiös motivierter Gewalt: „Kriege, Vertreibungen und Hinrichtungen wurden im Namen Gottes gerechtfertigt“, beklagen die Kirchen in dem Wort. Daher wolle man sich gemeinsam um die Heilung der leidvollen Erinnerungen bemühen.

Als vor 500 Jahren Martin Luther seine 95 Thesen veröffentlichte, führte dies letztendlich zur Kirchenspaltung.
Auch bei uns hier im fränkischen Gebiet trafen schon bald „Evangelische“ und „Katholische“ aufeinander, sie lebten hier und mussten nun mit der verordneten Religion in ihrem Gebiet zurechtkommen, was für viele nur sehr schwer nachvollziehbar war.

Seit dem Reichstag von Augsburg 1555 bestimmte der jeweilige Landesherr die Konfession - „Cuius regio, eius religio“.
Dazu kamen immer wieder Kriege, die das Chaos und die Abschottung der Konfessionen zueinander noch verstärkten.
Eine Auswirkung der Reformation und der folgenden Trennung der Konfessionen war die zunehmende Entfremdung der Christen untereinander in den einzelnen Konfessionen. Folglich  kam es  zu einem völlig anderen Verständnis des Glaubens und des Lebens und bedingt dadurch auch zu vielen Vorurteilen und Unterstellungen über den jeweils anderen Glauben.

Jeder nahm für sich in Anspruch, die alleinige Wahrheit zu besitzen.

So lebten bis in das 20. Jh. hinein die Christinnen und Christen oftmals in voneinander abgeschlossenen Konfessionskulturen, die durch einander abgrenzende Riten und Symbole geprägt wurden. Da dies stark ins persönliche Leben hineinreichte, also vor allem die Eheschließung, die Kinder usw. betraf, führte dies zu vielfachem Leid und persönlichen Kränkungen.

Es waren die konfessionsverschiedenen Ehepaare, die hier viel geleistet und Wege geebnet haben, indem sie mit Leidenschaft und unermüdlich die Bande zwischen den evangelischen und katholischen Gemeinden knüpften.

Am Sonntag, dem 30. Juli 2017, waren 350 konfessionsverbindende Ehepaare nach Vierzehnheiligen eingeladen zu einem Fest der Begegnung und zu einem Gottesdienst in der Basilika. Mit der gemeinsamen Veranstaltung würdigten der evangelische Kirchenkreis Bayreuth und die katholische Erzdiözese Bamberg den Beitrag der Eheleute für die Ökumene. Beim Gottesdienst sagte die Regionalbischöfin Dorothea Greiner: „Diese Ehepaare seien ein Symbol für das Ziel, das die christlichen Kirchen in Zukunft erreichen wollen.“ Zugleich bat sie um Vergebung für Verletzungen, die die Eheleute wegen ihrer Verbindung durch Kirchenrepräsentanten oder ihre eigenen Familienmitglieder erlitten hätten und der Bamberger Generalvikar Georg Kestel bezeichnete das Ehefest als ein „großes ökumenisches Zeichen des Fortschritts im gemeinsamen Glauben, der uns verbindet“. Früher hätten Familien, Tradition, Gesellschaft und »kircheninterne Linien« auf  beiden Seiten unnötige Gewissensnöte erzeugt und auch manche gute Ehe verhindert.

Mit dem 31. Oktober gehen wir nun auf das Ende des Reformationsjubiläums zu.

Am 27. August sagte der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strom bei einem Festgottesdienst in der Wittenberger Stadtkirche: „In einer verrückten Welt, in der Vereinfachung, Intoleranz, Nationalismus und programmatischer Egoismus so viel Zustimmung finden, braucht es eine Kirche, die Orientierung gibt. Eine solche Kirche könne jedoch keine bleiben, in der diejenigen, die sich als Schwestern und Brüder ansprechen, am Tisch des Herrn getrennt bleiben.“
Lothar Fietkau, Vorsitzender der ACK Forchheim